Pflanzenfarben

Färberkamille, Krapp, Safflor, Färberwau - vielleicht schon gehört? Aber z.B. auch in Geranien, Wallnüssen, Dahlien und Tagetes verbergen sich wunderbare Farbstoffe. An dieser Stelle werde ich nicht die verschiedenen Methoden der Farbgewinnung und Pigmentherstellung erläutern, denn die lernt ihr bei Färberkind selbst. Ich will euch lieber erzählen warum ich Farbe aus Pflanzen herstelle...

Digitalisierte Pflanzenfarben?

Schon immer haben Menschen Farben aus Naturmaterialien hergestellt und künstlerisch verwendet. Aus Erde oder Pflanzen haben Menschen schon in der Steinzeit Felswände bemalt, in der Antike Pergamente mit Safran gestaltet und im Mittelalter Buchseiten verziert. Das ist den meisten Menschen heute erst einmal gar nicht so bewusst, wenn ich sage: "Ich mache Farben aus Pflanzen!"

Einhergehend mit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert, durch die Industriealisierung und die Herstellung von Farbtuben und synthetischen Farbstoffen im 19. Jahrhundert, wurde das Wissen um die Herstellung von Farben aus Naturmaterialien allerdings immer unwichtiger. Schade, wie ich finde...

Da ich mit Kindern arbeitete, lag es nahe, Naturfarben zu verwenden, ganz ohne "Gifte". Es war aber nicht so leicht, solche Farben im Handel zu erwerben. Also habe ich beschlossen, die Farben selbst herzustellen. Ich habe begonnen, zu experimentieren: Wächst mein Amarant? Was passiert, wenn ich violetten Sommerflieder extrahiere? Er wurde grün! Macht unser Apfelbaum im Garten tatsächlich gelbe Tinte? Wie sehen Ligusterbeeren aus und wo in der Nachbarschaft könnte ich welche pflücken? Die Brillianz der aquarellartigen Farben hat mich fasziniert und nach und nach gelang es mir immer besser, bestimmte Farbtöne zu gewinnen und ganz gezielt zu verwenden. Es entstanden Farbtöne, die ganz von selbst harmonisch zueinander passten und miteinander wirkten.

Ich habe gemerkt, dass ich ein ganz neues Verhältnis zu Blüten, Samenkörnern, Bäumen und Farbtropfen entwickelte und dass ich große Lust darauf hatte, dieses Gefühl und dieses Wissen weiterzugeben. Gerade in der heutigen Zeit, die durch digitale Medien und "leblose" Geräte geprägt ist, fand ich es umso wichtiger, Kindern wieder einen Zugang zur Natur zu ermöglichen, ihre Beziehung zur Umwelt zu stärken, ihnen ein Gefühl dafür zu geben, was eigentlich um uns herum das ganze Jahr über so wunderbar aufblüht. Das "Färberkind" wurde zum Leben erweckt.

Bisher hatte ich neben meiner Tätigkeit als Kunstpädagogin eine ganz andere Kunstrichtung verfolgt, einen Masterabschluss in Digitaler Kunst in London gemacht, Videoperformances gedreht, mich mit der Virtualisierung, neuester Software und Bildbearbeitung auseinandergesetzt. Etwas ganz Gegensätzliches also. Mir wurde klar, dass sich der Mensch in der digitalen Welt immer mehr vom Menschsein entfremdet.

Die Gartenarbeit war eher "Freizeit, Entspannung" und gab mir das gute Gefühl ganz im "Hier und Jetzt" zu sein.

Mein Ziel war und ist es nun, diese beiden Gegensätze (das Digitale und die Natur) auf eine "gesunde Art" zu vereinen und einander "dienen" zu lassen. Das Digitale gebrauche ich, um den Ausdruck des "Natur"kunstwerks auf unterschiedlichste Weise zu steigern.

Den kleinen und großen Künstlern bringe ich so auch ein paar Fähigkeiten in der Bildbearbeitung bei und sie nehmen ein Werk mit nach Hause, das "am Puls der Zeit" ist - ganz naturbasiert und doch irgendwie digital ;-)

Und wer nun denkt: "Aber Pflanze und digital, das geht doch nicht!", dem möchte ich das Zitat rechts oben ans Herz legen.

Zitat

Art should be something that liberates your soul, provokes the imagination and encourages people to go further.

KEITH HARING